Everything I Am Is Yours

Werte Leserinnen und Leser, liebe Quotengruppe, allerliebstes Rudel,

Sie kennen das bestimmt: Sie zappen sich so durchs TV-Programm und bleiben bei einem Reality-Format hängen. Da wird gerade eine neue Teilnehmerin (nennen wir sie einmal Tanja) mittels eines kurzen Einspielfilms vorgestellt. Tanja berichtet fröhlich aus ihrem Leben, es werden Bilder vom Sport, aus dem Beruf, mit der Familie, gezeigt. Tanja beim Cheerleading, Tanja mit ihrem Chef vorm Supermarktregal, Tanja mit ihren Schwestern Katja und Anja, ihrem doofen aber lieben Bruder Kevin, ihren stolzen Eltern Helga und Hans und natürlich mit ihrem lieben Omilein, knuddelnd auf der Familiencouch. Alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber dann - plötzlich - senkt sich Tanjas Blick, sie wirkt nachdenklich und vielleicht sogar ein bisschen verschämt. In ihren Augenwinkeln bilden sich Tränen.

(Jetzt nähern wir uns dem Kernthema dieses Blogposts) Tanja berichtet mit brüchiger Stimme und nun den Tränen nah von einem wirklich einschneidendem und dramatischem Ereignis ihres Lebens. Im besten Fall - es ist ja nur ein Beispiel - hat sie am 23.06. des letzten Jahres an einer Bushaltestelle in Eisenhüttenstadt ihren heißgeliebten Turnbeutel verloren. (Jetzt haben wir das Kernthema erreicht) Die Sob Story ist eingeleitet. Während Tanja sich noch windet, erklingt im Hintergrund - zunächst sehr leise - Musik. Und die Musik ist natürlich essentiell, wenn es darum geht, den Effekt einer solchen Sob Story zu verstärken - regelrecht zu boosten. "Everything I Am Is Yours" von den Villagers ist da in Melodie und Text bestens geeignet um entsprechend zu emotionalisieren. Sind es nicht die Villagers, ist es zumeist James Blunt, der im Hintergrund säuselt (es gibt Redaktionsböcke, die behaupten, James Blunt habe seine gesamte Karriere auf die Verwendung seiner Songs zur Untermalung von Sob Stories aufgebaut). Während die Musik so dahinwabert fasst eine Stimme aus dem Off noch einmal Tanjas schweres Schicksal zusammen bis endlich der Refrain "Everything I Am Is Yours" erreicht ist. Tanja, nun sichtlich erholt und mit neuem Lebensmut, enthüllt Teile ihres Dekolleté und zeigt ein Turnbeutel-Tattoo auf ihrer linken Brust, welches ihr Bruder ihr gestochen hat. Darunter in römischen Lettern, weil der Turnbeutel ein Kommunionsgeschenk und deshalb irgendwie katholisch war: XXVI. III. - das Datum des Verlusts. Tanja hat diese schwere Krise überwunden. Alle lieben Tanja.

Wenngleich ihm Sob Stories alles andere als fremd sind, tangieren derlei Petitessen unseren Gastblogger Siegmund nicht einmal peripher (Manchmal ist eine Sob Story nur eine Sob Story). Zudem zappt er nicht, schaut allenfalls mal Arte. Nein, seine Analyse geht tiefer. Er ist der Psychobock.

In seiner Wiener Praxis haben wir ihn mit der Kuschelbock Playlist konfrontiert. Wir erlebten, wie er mit mit Neugier und analytischer Zärtlichkeit Everything I Am Is Yours“ von den Villagers analysierte.

Sigmund, der Psycho-Bock
Der Psychobock über Everything I Am Is Yours

Sigmund, der PsychoBock über "Everything I Am Is Yours" von den Villagers 

(Ein analytischer Versuch über Hingabe, Selbstverlust und das Ich als Angebot)

Wenn ein Mensch sagt: „Alles, was ich bin, gehört dir“ – so klingt das zunächst nach Liebe. Nach romantischer Verschmelzung, nach freiwilliger Öffnung des Selbst zum Anderen.
Aber lassen Sie uns, wie stets, vorsichtig sein mit dem, was das Ich sagt.
Denn das Ich, meine Damen und Herren, ist kein verlässlicher Erzähler.

Dieser Song – reduziert, sanft, von leiser Stimme getragen – bringt uns eine Figur, die nicht einfach liebt.
Sie gibt sich hin.
Nicht stückweise, nicht tastend, sondern vollständig:
Everything I am is yours.
Das klingt nach Selbstaufgabe.
Oder nach einem tiefen Wunsch, das eigene Ich zu entkommen.
Ein Wunsch, der – wie wir wissen – oft nicht aus der Liebe zum Du entspringt, sondern aus der Erschöpfung mit dem Selbst.

Der musikalische Gestus – schwebend, sphärisch, fast lullend – spricht von Regression.
Es ist ein Lied, das das mühsam zusammengehaltene Ich wieder in einen Urzustand überführen möchte.
Nicht in die Realität einer Beziehung, sondern in die Fantasie symbiotischer Einheit.
Das Subjekt hier will nicht begegnen.
Es will sich verlieren.

Aber, wie wir aus der Analyse wissen:
Wer sich gänzlich dem Anderen übergibt, der stellt – unbewusst – eine Forderung.
Wenn alles, was ich bin, dir gehört – was bleibt dann von dir für mich?
Mit anderen Worten:
Die völlige Hingabe ist kein Geschenk.
Sie ist ein Tausch.
Ein stiller Pakt, mit unklaren Bedingungen.

Die Stimme von Conor O’Brien wirkt wie aus der Ferne. Als spräche sie durch Schleier.
Diese Distanz ist bezeichnend.
Denn der Sprecher bleibt, trotz aller Hingabe, außerhalb des Erreichbaren.
Es ist eine Nähe, die nicht eingelöst wird.
Eine Intimität, die mehr Traum als Beziehung ist.


XOXO
Sigmund Bock
 
 

Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Everything I Am Is Yours" von den Villagers selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify