Harvest Moon
Liebe Leserschaft, Befürworter der konstruktiven wie lösungsorientierten Kritik, allerliebstes Rudel,
auch Marcel gehört zur Familie Bock, was aber keinesfalls heißt, dass ihn alle anderen ins Herz geschlossen haben, denn er gilt als extrem bockig.
Er ist halt Kritiker. Und
diesem Job geht er mit der Genauigkeit eines Chirurgen und der
Leidenschaft eines Dichters nach. Ein Bock, der das Pathos liebt, aber
nicht den Kitsch. Er behauptet sogar, dass Gefühle in der Literatur
nichts verloren haben – wenn
sie nicht verdient sind. (Quelle: Das bockige Quartett). Für uns hat er
es sich in einem englischen Ledersessel bequem gemacht, den Kopfhörer
fest auf den Kopf, ein paar Postings sehr kritisch überflogen, und dann den Blick nach innen gerichtet und "Harvest Moon" von Neil Young kommentiert. Ein Lied über die Liebe im Herbst des Lebens. Über das Tanzen unter einem gealterten Himmel. Über das Weitermachen.
![]() |
| Marcel, der bockige Bock über "Harvest Moon" von Neil Young |
Der bockige Bock über "Harvest Moon" von Neil Young (Ein Urteil über ein Lied, das sich nicht schämt, zärtlich zu sein)
Meine Damen und Herren,
was wir hier hören, ist, ich sage es gleich zu Beginn, eine Seltenheit.
Es ist ein Liebeslied – ja! Aber es ist kein sentimentales, kein
verlogenes, kein verweintes Stück Zuckerwatte. Es ist ein ernsthaftes Lied. Ein erwachsenes Lied.
Neil Young, ein Sänger, der oft mehr nuschelt als artikuliert, trifft in Harvest Moon einen Ton, den ich – mit Vorbehalt, doch mit Überzeugung – würdig nennen möchte.
Würdig deshalb, weil er es schafft, vom Altwerden zu sprechen, ohne zu klagen. Vom Lieben zu erzählen, ohne zu lügen.
Ich habe mein Leben lang Liebesgedichte gelesen. Viele davon schlecht.
Ich habe mich oft gefragt: Wann ist eine Liebeserklärung glaubwürdig?
Meine Antwort: Wenn sie leise ist. Wenn sie nicht protzt. Wenn sie sich nicht schämt, zu altern.
Dieses Lied – hören Sie genau hin! – spricht nicht vom Rausch der ersten Nacht. Es spricht vom zweiten Tanz.
Nicht vom Feuer, sondern vom Licht, das bleibt, wenn das Feuer vorbei ist.
„Because I’m still in love with you / I want to see you dance again.“
Das ist einfach. Das ist aufrichtig.
Und, ja – das ist schön.
Der Refrain ist sanft. Die Pedal-Steel-Gitarre flimmert wie Erinnerung. Das Tempo ist langsam – fast zu langsam. Aber gerade das ist richtig. Denn große Gefühle haben keine Eile.
Natürlich – man könnte kritisieren, dass das Arrangement konventionell ist. Dass das Ganze ein bisschen zu gefällig klingt.
Aber das wäre – verzeihen Sie – pedantisch.
Denn es geht hier nicht um Innovation. Es geht um Anstand.
Ja, ich sage es mit Nachdruck: Dieses Lied hat Anstand.
Es prahlt nicht. Es bittet. Es fragt. Es erinnert.
Und darum, meine Damen und Herren, bleibt es.
Weil es nicht vorgibt, jung zu sein.
Weil es nicht so tut, als sei die Liebe nur ein Feuerwerk.
Sondern ein sanftes, bleibendes Leuchten.
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Harvest Moon" von Neil Young selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
