I Still Haven’t Found What I’m Looking For
Liebste Leserinnen und Leser, liebe Masterminds und Crime Solver, liebes Rudel,
Agatha Hind Deer ist die Grand Dame des englischen Kriminalromans. Den lieben langen Tag arbeitet sie an Whodunit-Szenarien, informiert sich mit ihrem Tablet voller Podcasts über forensische Psychologie, hält regen Telegram-Kontakt zu schottischen Rechtsmedizinern und hat eine gewisse Vorliebe für True Crime YouTube-Kanäle – „wenn sie nicht zu sensationell sind“. Agatha hat sich ein AirTag in ihre Handtasche nähen lassen, ist aber überzeugt, dass die wirklich spannenden Dinge noch immer im Inneren der Menschen lauern. Ihre aktuelle Obsession: Der Song „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ in der Version von The Chimes (1990) – weniger sakral als das U2-Original, stattdessen durchzogen von Soul, Nachtluft und jener Stimme, die klingt, als hätte sie auf dem Weg zur Studioaufnahme einen Verdächtigen durchschaut.
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| Agatha Hind Deer, die Whodunit-Hirschkuh über "I Still Haven’t Found What I’m Looking For" |
Die Whodunit-Hirschkuh über „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ von The Chimes (Ein Bericht aus dem Inneren des Schweigens)
Manchmal beginnt es mit einer Stimme. Sie tritt nicht durch die Tür, sie steht plötzlich mitten im Raum. Ohne Vorstellung, ohne Erklärung. Sie ist da – und sie weiß.
Die Version von The Chimes nimmt sich nicht vor, ein Evangelium zu sein. Sie ist keine Prozession auf einem staubigen Hügel unter der Sonne von Nevada. Nein. Sie ist näher an der nächtlichen Küche eines Hauses, in dem niemand schläft. An einer langen Zigarette, die halb heruntergebrannt ist, während jemand sagt: „Ich weiß nicht, warum ich immer noch suche. Aber ich tue es.“ Und man glaubt es.
Man glaubt es, weil die Stimme von Pauline Henry nicht betet. Sie befragt. Sie befragt sich selbst, das Gegenüber, vielleicht auch jemanden, der schon lange gegangen ist. Es gibt in ihrer Stimme keine Rettung, aber es gibt Anstand – die Art von Anstand, die auch ein Detektiv aufbringt, der einem Mörder die letzten Minuten des Verhörs still überlässt.
„I have climbed highest mountains“, singt sie. Doch hier ist kein Aufstieg, kein alpinistisches Pathos. Die Berge sind innerlich. Und sie sind dunkel. Die Chimes machen aus dem Lied kein Bekenntnis, sondern ein Protokoll. Jemand hat gelebt. Geliebt. Verloren. Und fragt sich, ob das genug war, um zu finden.
Die Version der Chimes ist – wenn Sie mir das Wortspiel erlauben – kein Lied über das Finden, sondern über das Suchen, das den Charakter offenlegt. So wie ein Fall nie durch das Verbrechen allein spannend wird, sondern durch das Motiv. Und durch das, was zurückbleibt: Spuren. Leere Teetassen. Schweigen.
Ich höre dieses Lied nicht mit dem Ohr einer Jugendlichen. Auch nicht mit dem Herzen einer Romantikerin. Ich höre es wie jemand, der weiß, dass das menschliche Rätsel selten vollständig gelöst wird. Dass wir vielleicht gar nicht suchen, um zu finden – sondern um das Suchen aufrechtzuerhalten. Als Rhythmus. Als Puls. Als Beweis, dass wir noch immer nicht aufgegeben haben, selbst wenn wir behaupten, es längst getan zu haben.
In einem Kriminalfall kommt irgendwann der Moment, an dem man sich fragt, ob die Wahrheit überhaupt gefunden werden will.
Oder ob sie nicht längst in einem Nebensatz lag, in einem Blick, der zu
lange dauerte. So ist dieses Lied. Es stellt sich nicht ins Zentrum. Es
wartet. Und man bleibt – nicht, weil man Hoffnung hat, sondern weil man
sich eine Frage nicht mehr aus dem Kopf schlagen kann:
Was, wenn ich längst gefunden habe – nur nicht erkannt?
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ von The Chimes selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
Der Kuschelbock merkt an: Eine, weniger literarische, etwas triviale Behandlung des Songs „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ finden Sie bei u2songs.com
