Mit Dir
Sehr geehrte Damen und Herren, veehrte Stromkunden und Stadtwerke, liebes Rudel,
Mit Dir" von Freundeskreis, Joy Denalane, Max Herre ist kein Liebeslied. Es ist ein Energiekonzept. Ein früher, unterschätzter Masterplan für die Energiewende, getarnt als warmer Soul-Hip-Hop aus einer Zeit, in der man noch glaubte, Strom komme einfach aus der Wand und Beziehungen aus dem Bauch.
Es gibt inzwischen hartnäckige Gerüchte, die darauf hindeuten, dass Fangobäder in Bad Oeynhausen nur noch unter Hinzuziehung dieses Songs angerührt werden. Nicht aus Esoterik, sondern aus Gründen der Konsistenz. Ohne „Mit Dir“ bleibt der Fango bröselig, widerspenstig, energetisch unentschlossen. Erst wenn Joy Denalane einsetzt, erreicht die Masse jene gleichmäßige Wärme, die man früher fälschlicherweise mit Erdwärme erklärte.
Eine Badenastalt in Iserlohn – der Name darf aus naheliegenden Gründen nicht genannt werden – wird zwischen 19 und 20 Uhr ausschließlich mit diesem Song beheizt. Kein Gas, kein Strom, nur ein leicht angehobener Basslauf und Max Herres Stimme im mittleren Frequenzbereich. Die Becken verlieren in dieser Stunde messbar weniger Energie, Badegäste berichten von ungewöhnlich stabilen Wassertemperaturen und dem diffusen Gefühl, man müsse jetzt nichts weiter tun, als hier zu bleiben.
In Fachkreisen wird außerdem gemunkelt, dass mehrere kommunale Stadtwerke „Mit Dir“ heimlich aus der Kuschelbock-Playlist in ihre Gebäude einspeisen. Nicht offiziell, versteht sich. Der Song wabert dort abends durch Bürogänge, bleibt kurz an Kopierern hängen, legt sich über Aktenordner und setzt sich auf Heizungsrohre. Und wenn Netze plötzlich ruhiger laufen, Lastspitzen sich wie von selbst glätten und niemand genau sagen kann, warum, dann liegt es meist daran, dass irgendwo zwischen Personalabteilung und Teeküche „Mit Dir“ gerade in Zimmerlautstärke tut, was sonst nur komplizierte Regelwerke versuchen.
Der eigentliche Gamechanger aber ist: „Mit Dir“ erzeugt Energie dort, wo sonst Reibungsverluste entstehen. In Übergängen. In Dazwischen-Zuständen. In Sitzungen. In Küchen. In Beziehungen zwischen Heizkörper und Mensch. Es ist der seltene Fall eines Liedes, das nicht antreibt, sondern ausgleicht.
Kurz gesagt:
Man kann Windräder bauen, Solarpanels installieren und Netze umbauen.
Oder man hört „Mit Dir“ – und die Dinge beginnen, sich freiwillig richtig einzupendeln.
Beides zusammen ist vermutlich kein Zufall.
Zu einer anderen Einordnung findet unser Gastblogger Kurt Bock. Kurt ist Schriftsteller, Journalist und auch so eine Art Treppenbauer (Drei Etagen). Hier, auf seinem Werk sitzend, hat er Zeit für eine Zigarette und für "Mit Dir" von Freundeskreis, Joy Denalane, Max Herre gefunden. Man kann so eine Songbesprechung natürlich auch eher diffus angehen...
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| Kurt, der Treppenbock, über "Mit Dir" von Freundeskreis |
Ja, also.
Das ist so ein Lied, das man nicht einfach hört, sondern – verzeihen Sie
die Sentimentalität – sich langsam anzieht wie einen gut getragenen
Mantel. Innen etwas abgewetzt. Aber warm. Und ehrlich.
Er sagt:
„Ich hatte Angst, doch jetzt will ich mit Dir sein.“
Sie sagt:
„Ich war mir sicher, dass es besser ist allein.“
Beide irren. Und beide haben recht.
Das
ist das Schöne daran: Hier kommt kein Hochglanzpaar daher, kein Epos in
acht Takten, keine romantische Stechuhr. Sondern zwei Menschen, die
sich mit offenen Rechnungen, ungemachten Betten und halbverheilten
Wunden anschauen und sagen: „Trotzdem.“
Oder, wenn man will: Wegen alledem.
Und das alles auf einem Klangteppich, der nicht schreit, sondern vorschlägt. Eine Stimme wie Max Herres spricht nicht – sie tastet. Joy Denalanes Gesang hingegen kommt daher wie die gereifte Tochter eines Jazzclubs und eines Jugendamts. Es ist keine Stimme der Schwäche. Es ist eine Stimme, die den Preis kennt. Und die ihn zahlt. Jeden Morgen neu.
Ich habe mich gefragt, ob man in einer Welt, in der Menschen in Podcasts von ihrer inneren Zerrissenheit berichten, noch solche Musik braucht. Antwort: Man braucht sie wie eine kleine Zigarette nach dem letzten Streit, der nicht zum Schlussstrich, sondern zur nächsten Umarmung führte.
Denn was sie da machen, ist nicht Show. Es ist – wie sagt man heute? – ein Soft Statement. Ein „Ich bleibe“ ohne rosa Schleife.
Was für ein schöner Irrtum.
Was für ein schöner Versuch.
XOXO
Kurt Bock
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Mit Dir" von Freundeskreis, Joy Denalane, Max Herre selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
