Save Tonight

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Fußnoten-Fetischisten und Endnoten-Exegeten, liebes Rudel,

David - Schriftsteller und auch Lehrer - können Sie sich als einen hyperbewussten als auch etwas getriebenen Bock vorstellen. Wir trafen ihn, umgeben von geöffneten Browser-Tabs, einem blinkenden iMessage-Fenster, irgendwo zwischen einer Reddit-Diskussion über „emotional labor“ und dem elften Wiedereinstieg ins Meditations-App-Abo. Aus der Analyser von "Save Tonight" von Eagle-Eye Cherry hat er sich einen unendlichen Spaß gemacht. 

David, Browser Bock
David Buck,  Browserbock, über "Save Tonight" 

Der Browserbock über "Save Tonight" von Eagle-Eye Cherry (Oder: Die unheimliche Stille im Sog der finalen Chorusse)

 Es ist ein Lied, das man zuerst nicht hört, sondern hat. Du besitzt es. In deinem limbischen System, deinem peinlich unpeinlichen Mix-CD-Gedächtnis, auf dem irgendwo zwischen Alanis Morissette und dem dritten Gin Tonic auch Save Tonight liegt. Wenn es beginnt, nickt dein Kopf, bevor dein Bewusstsein mitkommt. Ein Song wie ein Taschenmesser: klein, funktional, nostalgisch, und irgendwie hat jeder eins.

Und genau da beginnt die Misere.

Denn „Save Tonight“ ist kein großer Song. Er ist nett. Und das ist sein Verbrechen – oder seine Maskierung. Denn nichts, was so dauerhaft in Radios überleben konnte, so genreübergreifend akzeptabel ist (vom Surfshop bis zur Zahnarztpraxis), darf wirklich harmlos sein.

Also bohre ich hinein. Was sagt dieses Lied, das mit warmen Gitarrenakkorden und jener Stimme beginnt, die klingt, als hätte ein schwedischer Barkeeper beschlossen, seine innere Jeff Buckley-Trauer zu vertonen?

"Save tonight / and fight the break of dawn / come tomorrow / tomorrow I’ll be gone"

Aha. Das ist Flucht. Das ist Exit. Das ist der letzte Abend, bevor sich etwas Unumkehrbares vollzieht. Und weil es Popmusik ist – also strukturell verpflichtet zur Vereinfachung –, wird aus dieser Flucht kein politischer Akt, keine psychologische Offenbarung, sondern: eine romantische Nacht. Mit Kerzenlicht, Wein und unausgesprochenem Terminalschmerz.

In einer Welt, in der alles darauf angelegt ist, Konsequenzen zu externalisieren – in einer Ökonomie des ständigen Scrollens, der fragmentierten Aufmerksamkeit, des Click-Away-Gefühls –, ist dieser Song, ganz ohne es zu wollen, fast eine Parabel: über die Art, wie wir Trauer prophylaktisch behandeln. Wie wir Trennung nicht als Zäsur, sondern als letzte Gelegenheit zum gemeinsamen Trinken stilisieren.

Was mich dabei nicht loslässt, ist die offensichtliche Unverhältnismäßigkeit zwischen Form und Inhalt. Der Song ist tight. Kompakt. Drei Minuten, Refrain klar, Hook sitzt. Aber was er sagt, ist: Ich werde gehen, ich weiß es schon jetzt, und statt dass wir reden, werden wir trinken. Das ist nicht melancholisch. Das ist kaputt. Und zwar auf eine Weise, die nur jemand singt, der emotional bereits außerhalb des Hauses steht, das noch beleuchtet ist.

Es ist eine Form des maskierten Selbstschutzes, die verdächtig nach einem Vorläufer heutiger Datinglogiken klingt: Ghosting als musikalisches Motiv. Bindungsphobie im Viervierteltakt. Und plötzlich, mitten im Song, ist da das unangenehme Gefühl, dass du hier der sentimentale Teil bist, während der Sänger längst weitergezogen ist – metaphorisch und bald auch wörtlich.

Und das alles verpackt in ein musikalisches Arrangement, das wie eine warme Jacke ist, in deren Tasche du ein altes Kassenzettelchen findest, das dich an jemanden erinnert, den du nicht mehr anrufen kannst. Oder darfst. Oder solltest.

XOXO
David Buck


Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Save Tonight" von Eagle-Eye Cherry selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify