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| Philip Buck, der Beobbachterbock |
Der Beobacherterbock über "Sign Your Name" in der Version von Sheryl Crow (Ein Brief aus der postkoitalen Rückzugszone)
Ich
gestehe es gleich zu Beginn – weil ich gelernt habe, dass man sich mit
Geständnissen heute schneller Gehör verschafft als mit Argumenten –,
dass ich dieses Lied zuerst für eines jener typischen, aus emotionalem
Plüsch gefertigten Schmachtstücke hielt, die allein dazu geschrieben
werden, um in Serienabspännen oder bei den letzten Zügen eines Pinot
Noir in Airbnb-Lofts abgespielt zu werden. Also mit maximaler Hingabe an
die Selbsttäuschung.
Und dann – dann diese Stimme.
Nicht fordernd. Nicht unterwürfig. Nicht gefühlsgeschwängert bis zur
Erpressung. Sondern warm, ein wenig abgeklärt, aber trotzdem verlockend:
wie eine Frau, die sich längst über dich lustig gemacht hat, während du
noch glaubst, sie für dich zu gewinnen.
"Sign your name across my heart / I want you to be my baby."
Sagen Sie das mal laut. Oder besser noch: Sagen Sie das in ein Ohr,
einatmend, um drei Uhr morgens, wenn alle anderen Vorstellungen von
Intimität bereits verworfen wurden. Dieses Lied ist keine Einladung zur
Liebe – es ist eine Form der emotionalen Erpressung, so sanft und
geschickt dargeboten, dass man es gar nicht als solche erkennt. Es
verkauft sich als Zärtlichkeit, ist aber in Wahrheit eine Besitzurkunde,
ausgestellt in der Sprache der Verführung.
Und
Crow? Sie weiß das. Sie weiß es ganz genau. Ihre Interpretation ist
keine naive Hommage, keine Geste nostalgischer Anlehnung. Es ist die
Übernahme einer Erzählung – der weibliche Zugriff auf ein männlich
codiertes Verlangen. Während D'Arby das Lied einst mit der Schwüle eines
Predigers in erotischer Ekstase sang, nimmt Crow all das und reduziert
es auf ein Minimum: Tempo, Timbre, Testosteron. Übrig bleibt ein
Vorschlag, der nicht fleht, sondern beinahe verordnet: Du wirst unterschreiben. Auf meinem Herzen. Weil du nichts anderes mehr hast.
In
Amerika – dem Land des Vertrags, der Ehe, der unwiderruflichen
Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen des Lebens –, ist dieser Refrain
keine Metapher mehr. Er ist eine juristische Kategorie des Begehrens. Du
unterschreibst auf einem Körper, der zugleich Sehnsuchtsfläche und
Eigentumserklärung ist.
Ich
höre das Lied und denke an Männer in Wohnungen mit offenen Bademänteln,
die versuchen, über Spotify Stimmungen herzustellen. Ich denke an
Frauen, die längst wissen, dass der Sex keine Lösung ist, aber
vielleicht wenigstens eine Pause. Ich denke an Signaturen, die wir alle
geleistet haben: auf Papieren, Körpern, Leben, aus denen wir uns nicht
mehr herausargumentieren können.
Das ist es, was Sheryl Crow aus diesem Lied gemacht hat: Kein Lovesong, sondern ein Memo – in moll.
XOXO
Philip Bock