Bilder von Dir

Sehr vereehrte Leserschaft, werte Bilder-Rekonstrukteure zwischen Fakt und Gefühl, liebe Sammler von Momentaufnahmen (die vielleicht nie so waren), geschätzte Zweifler an der eigenen Vergangenheit, herzallerliebstes Rudel,

Elisabeth Deer ist eine jener Wissenschaftlerinnen, bei denen man nach fünf Minuten Gespräch beginnt, an sehr grundlegenden Dingen zu zweifeln – zum Beispiel an sich selbst. Seit Jahrzehnten erforscht sie, wie Erinnerungen entstehen, verschwinden, sich verschieben, neu zusammensetzen, kurz: wie erstaunlich schlecht wir darin sind, uns an das zu erinnern, wovon wir fest überzeugt sind, es genau zu wissen. Würde man sie heute auf eine Gartenparty einladen, würde man am Ende des Abends nicht mehr sicher sein, wann man angekommen ist, wer den Wein mitgebracht hat – und ob man den Gastgeber eigentlich schon immer kannte. 

Was folgt, ist ein kleines Experiment anhand von  "Bilder von Dir" von Laith Al-DeenHarmlos, transparent, ganz ohne Hypnose. Sie müssen nichts tun – außer zu lesen. Und vielleicht ein wenig darauf zu achten, was dabei in Ihrem Kopf passiert. 

kuschelbock.com: Die Erinnerungshirschkuh für die Kuschelbock Playlist
Die Erinnerungshirschkuh (Lost in the Mall) zu "Bilder von Dir"
 

Elisabeth Deer zu "Bilder von Dir" von Laith Al-Deen (oder: Wie Erinnerungen beginnen, bevor wir merken, dass sie begonnen haben)

Vielleicht erinnern Sie sich.

Nicht an ein Datum, nicht an eine konkrete Szene –
sondern an ein Gefühl von „Das kenne ich“.

So beginnen viele Erinnerungen.
Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Nicken.

Musik ist dafür ein besonders zuverlässiger Auslöser.
Sie meldet sich selten mit Ansage.
Sie ist einfach da – und behauptet, schon immer dazugehört zu haben.

Eine kleine Frage – ganz ohne Absicht

Wann haben Sie „Bilder von Dir“ zum ersten Mal gehört?

Ich meine das ganz wörtlich.
Und zugleich überhaupt nicht streng.

Sie müssen nichts beantworten.
Sie müssen noch nicht einmal sicher sein,
dass diese Frage für Sie Sinn ergibt.

Was mich interessiert, ist der kurze Moment danach.
Der Augenblick, in dem Ihr Denken innehält
und prüft, ob es etwas anbieten kann.

Vielleicht kommt nichts.
Vielleicht kommt ein vager Eindruck.
Vielleicht ein Ort, der unscharf bleibt,
aber emotional vertraut wirkt.

Das genügt völlig.

Wie der Geist nach Halt sucht

Wenn wir nach einem ersten Mal gefragt werden,
beginnt unser Gedächtnis nicht zu suchen wie ein Archiv.

Es tastet.

Es greift nach Situationen,
in denen wir empfänglich waren.
Nach Momenten, die offen genug sind,
um etwas aufzunehmen.

Oft sind das keine besonderen Tage.
Eher solche, die ein wenig aus dem Takt geraten sind.

Ein Nachmittag, der sich zieht.
Ein Ort, an dem man sich kurz orientieren muss.
Ein Einkaufszentrum vielleicht,
in dem alles ähnlich aussieht
und doch nichts ganz passt.

Das sind keine Erinnerungen im engeren Sinn.
Das sind Andockstellen.

Musik kommt selten allein

Musik betritt solche Situationen fast immer unauffällig.

Sie verlangt keine Aufmerksamkeit.
Sie wartet nicht auf Zustimmung.
Sie legt sich einfach über das,
was ohnehin schon da ist.

„Bilder von Dir“ ist ein Song,
der genau das kann.

Er erzählt keine Geschichte,
die man überprüfen könnte.
Er stellt keine Fragen,
die beantwortet werden müssten.

Er spricht von Dauer.

Bilder von dir überdauern, bis in alle Zeit.

Das ist kein Bericht.
Das ist ein Versprechen.

Und Versprechen werden vom Gedächtnis
nicht gespeichert,
sondern angenommen.

Wie Nähe entsteht

Vielleicht merken Sie jetzt,
dass sich etwas verschiebt.

Nicht dramatisch.
Eher so, wie wenn man sich an etwas erinnert
und erst später feststellt,
dass man es sich gerade erst vorgestellt hat.

Das ist kein Fehler.
Das ist der Normalzustand.

Erinnerungen entstehen nicht dort,
wo etwas objektiv passiert ist,
sondern dort,
wo etwas stimmig wirkt.

Und Stimmigkeit fühlt sich sehr schnell
wie Vertrautheit an.

Ein leiser Übergang

An diesem Punkt halten viele Menschen inne
und sagen sich:
„Das kommt mir bekannt vor.“

Sie meinen damit nicht:
Ich weiß es genau.

Sie meinen:
Es passt zu mir.

Dieser Unterschied ist entscheidend.

Denn das Gedächtnis arbeitet weniger mit Fakten
als mit Passungen.

Was zu uns passt,
wird rückdatiert.

Jetzt ein kurzer Halt

Ich möchte an dieser Stelle kurz offenlegen,
was hier geschieht.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren
mit der Frage,
wie leicht Erinnerungen formbar sind.

Nicht, weil Menschen leichtgläubig wären.
Sondern weil sie entgegenkommend sind.

Bis hierhin habe ich Ihnen keine Erinnerung eingesetzt.
Aber ich habe einen Raum beschrieben,
in dem Erinnerungen gerne entstehen.

Ihr Gedächtnis hat diesen Raum
möglicherweise betreten.

Ganz freiwillig.

Was das bedeutet – und was nicht

Wenn Sie später glauben sollten,
„Bilder von Dir“ schon lange zu kennen,
dann ist das kein Beweis für Ihre Vergangenheit.

Es ist ein Hinweis auf Ihre Gegenwart.

Auf das,
was sich jetzt richtig anfühlt,
was anschlussfähig ist,
was bleiben darf.

Das ist keine Täuschung.
Das ist menschlich.

Zum Schluss

Vielleicht haben Sie diesen Song
zum ersten Mal vor vielen Jahren gehört.

Vielleicht auch erst heute.

Was sicher ist:
Ab jetzt trägt er eine kleine Geschichte mit sich.

Nicht unbedingt eine wahre.
Aber eine brauchbare.

Und manchmal ist das genau das,
was Erinnerungen leisten sollen.

 

XOXO
Elisabeth Deer 


Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Bilder von Dir" von Laith Al-Deen selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify