Close To Me - Closer Mix

Veehrte Leserschaft, werte Malakologen und Malakozoologen, liebes Rudel,

ganz im Sinne unserer heutigen Gastbloggerin möchten wir, als Tiere des Jahres 2026, ein wenig spät aber sehr herzlich dem Weichtier des Jahres 2025, der stumpfen Flussdeckelschnecke, gratulieren. 

Das schleimige Paradoxon: Romantik unter dem Deckel

Apropos Flussdeckelschnecke: Wer jemals an einem lauen Sommerabend an einem schlammigen Uferabschnitt innegehalten hat, wird Zeuge eines Phänomens, das die klassische Zoologie vor Rätsel stellt. Es ist ein offenes Geheimnis unter Limnologen, dass Schnecken im Allgemeinen und Flussdeckelschnecken im Besonderen ausschließlich zu den synkopierten Rhythmen von The Cure’s „Close to Me“ miteinander kuscheln.

Wobei man hier ehrlich sein muss: Das, was wir euphemistisch als „Kuscheln“ bezeichnen, ist in der Welt der Gastropoden ein Akt von solcher Intensität und metabolischer Hingabe, dass er die Bezeichnung „Zwischenmenschlichkeit“ sprengen würde. Wenn Robert Smith mit dieser gehauchten, fast asthmatischen Intonation singt, triggert er bei der Flussdeckelschnecke eine hormonelle Kaskade. Die markante, abgehackte Basslinie des Songs scheint exakt die Frequenz zu treffen, bei der sich der Operculum – jener schützende Deckel der Schnecke – nicht nur öffnet, sondern förmlich kapituliert. Es ist eine Resonanzkatastrophe der Leidenschaft, eine Form von besitzergreifender Liebe, die dem „Kuscheln“ eine fast schon paranoide Tiefe verleiht.

Diese dunkle, obsessive Seite der Schnecken-Erotik findet ihre größte Fürsprecherin in Patricia Hind Deer. Die Großmeisterin des psychologischen Unbehagens, die bekanntlich gern mit einer Handtasche voller Schnecken auf Cocktailpartys erscheint, verfügt über eine unangefochtene Expertise auf diesem Gebiet. Für Patricia ist das „Close to Me“-Verhalten ihrer schleimigen Gefährten das ultimative Symbol für das radikal Intime und Verborgene. Sie beobachtet diese rituellen Paarungen mit der gleichen kühlen Präzision, mit der sie ihre literarischen Psychogramme entwirft, und sieht in der akustischen Stimulation durch Robert Smith lediglich die Bestätigung ihrer eigenen Theorie: Dass wahre Nähe immer auch bedeutet, dem anderen so nah zu kommen, dass kein Blatt Papier mehr dazwischen passt – oder eben kein Deckel.

 

kuschelbock.com: Die Psycho-Hirschkuh für die Kuschelbock Playlist
Die Psycho-Hirschkuh über Close To Me - Closer Mix von The Cure


Wir heißen eine Gastbloggerin willkommen, deren literarische Stellung weit über dem Genrekitsch thront. Patricia, die Psycho-Hirschkuh, die Meisterin der psychologischen Amoralität, schreibt nicht über Kriminalität; sie seziert neuerdings auch Songs für das Kuschelbock Projekt..

Wir haben Patricia in ihrem Haus im Tessin besucht und bei einer Zigarette und einem Glas Whisky über Close to Me von The Cure gesprochen. Für uns hat sie den Song aus einer völlig veränderten Perspektive betrachtet. Wir bitten Sie um die gebotene Aufmerksamkeit für diese notwendige Stimme. 

Über die Notwendigkeit der Enge: Patricia Hind Deer, die Psycho-Hirschkuh, zu „Close to Me“

„Man hat mir diesen Song von The Cure vorgespielt, vermutlich in der Hoffnung, mich durch die offensichtliche Klaustrophobie des Arrangements zu irritieren. Aber ich finde die Architektur des Stücks durchaus vernünftig. Es beginnt mit diesem abgehackten, fast asthmatischen Keuchen – ein Geräusch, das jedem vertraut ist, der schon einmal jemanden in die Enge getrieben hat oder selbst in die Enge getrieben wurde.

Smith singt nicht, er gesteht. Es ist die Stimme eines Mannes, der begriffen hat, dass Distanz lediglich eine höfliche Form der Gleichgültigkeit ist. Die Zeile ‚I’ve waited hours for this / I’ve made myself so sick‘ ist von einer wunderbaren, klinischen Ehrlichkeit. Es ist genau diese Art von obsessiver Geduld, die ich an meinen Schnecken so schätze. Sie warten nicht auf das Glück; sie warten auf den Moment, in dem die Flucht unmöglich wird.

Das musikalische Arrangement mit seinen blechernen Bläsern und dem nervösen Bass erinnert mich an das unaufhörliche Scharren kleiner Radulae auf Glas. Es ist ein Soundtrack für Räume, in denen die Luft knapp wird – und sind das nicht ohnehin die einzigen Räume, in denen sich die Wahrheit zeigt? Viele Menschen empfinden das Video, in dem die Band in einem Schrank über eine Klippe stürzt, als surrealen Albtraum. Für mich ist es eine sachliche Darstellung von Intimität. Man teilt sich ein winziges Behältnis, man stürzt gemeinsam, und man hat keine Wahl, als sich näher zu kommen, als es der Anstand erlaubt.

Es gibt eine gewisse Eleganz in dieser totalen Fixierung auf das Gegenüber. Wer behauptet, dass Liebe Freiraum braucht, hat nie die lautlose, klebrige Entschlossenheit einer Flussdeckelschnecke beobachtet, die ihr Ziel gefunden hat. Wenn Smith haucht: ‚If only I could fill my heart with tell-tale signs‘, dann beschreibt er nichts anderes als die Spuren, die wir hinterlassen, wenn wir uns durch das Leben eines anderen graben.

Ein durchaus brauchbares Stück Musik. Es ist beunruhigend, es ist repetitiv, und es riecht nach feuchtem Holz und unterdrückter Panik. Ich denke, ich werde es heute Abend noch einmal abspielen, wenn das Licht schwindet. Die Tiere im Terrarium scheinen den Takt ohnehin bereits zu kennen.“

 

XOXO
Patricia Hind Deer

 

Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Close To Me" von The Cure selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify

 

Der Kuschelbock merkt an: Eine - selbstverständlich - weitaus profanere Betrachtung von „Close to Me“ von The Cure finden Sie bei henning-uhle.eu.