Girl in a Sports Car
Sehr geehrte Leserschaft, Ferrari-, Porsche, Lamborghini- und Alfa-Romeo-Spider-Enthusiasten, geliebtes Rudel,
heute möchten wir uns einem musikhistorisch völlig unterschätztem Werk von Chris Rea zuwenden: Girl in a Sports Car ist ein erstaunlich wandelbarer Song – er gleitet wie ein Sonnenreflex über verschiedene Sichtweisen hinweg, und jede Persönlichkeit würde in dieser glänzenden Oberfläche etwas anderes erkennen. Dieser Song lädt förmlich dazu ein, ihn noch einmal zu drehen, ein paar Grad anders, sodass ein neues Licht einfällt. Daher haben wir gleich drei Rezensenten eingeladen diesen Song für uns zu besprechen.
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| Der Nizzabock neben dem Girl in a Sportscar |
Drei Böcke, drei Betrachtungen von "Girl in a Sportscar" von Chris Rea
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| Alfred Bock, der Filmbock |
Und Alfred Bock (Filmregisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Filmeditor) schwarz wie ein Ausrufezeichen gekleidet, nimmt seine dick geränderte Brille ab, beugt sich über ein Tonband, hört diesen Song.
Er nickt kaum merklich. Dann setzt er an.
Alfred Buck über Girl in a Sports Car von Chris Rea
Nun, meine Damen und Herren, verehrte Böcke und Hinden, – oder soll ich sagen: meine potenziellen Zeugen –
dieser Song beginnt mit einer Täuschung.
Als wäre er harmlos.
Als erzähle hier ein Mann nur von einem alten Traum, einer Erinnerung, die nicht ganz wahr, aber auch nicht ganz falsch ist.
Das klingt gemütlich, beinahe nostalgisch.
Natürlich ist es das nicht.
Nostalgie, richtig betrachtet, ist ein hervorragend funktionierendes Suspense-Werkzeug.
Denn wer sich erinnert, der erkennt zu spät,
dass die Vergangenheit sich längst wieder nähert.
Chris Rea singt von einem bestimmten Moment –
einem flüchtigen Bild, gebrochen durch Sonne, Chrom und Geschwindigkeit:
ein Mädchen in einem Sportwagen, Jahrgang 1961, in einem Ferrari Lusso, wie es die Lyrics nahelegen.
Er behauptet, es handle sich dabei um den Glücksfunken seines Lebens, einen einzelnen, kostbaren Augenblick.
Ich höre etwas anderes.
Der gefährlichste Moment ist nie der Offensichtliche.
Sehen Sie, die Beschreibung ist zu rein.
Die Sonne zu gold.
Die Silhouette zu perfekt.
Nichts ist jemals so glatt.
Nicht einmal in Kindheitserinnerungen.
Wenn ein Mann so insistiert, dass ein einziger Augenblick ihn „befreit“, dann spricht er von einer Fixierung.
Ein Fixpunkt.
Ein Phantom.
Als Filmemacher weiß man:
Fixpunkte sind die größten Trickbetrüger.
Sie wirken bedeutend, aber meist verbergen sie etwas Bedeutenderes –
etwas, das man nicht zugeben will.
Das Mädchen im Sportwagen ist nicht das Mädchen im Sportwagen.
Es ist ein Platzhalter.
Eine Chiffre.
Es könnte Unschuld sein.
Oder Begierde.
Oder ein verpasstes Leben, das sich mit 120 km/h aus der Gegenwart verabschiedet hat.
Rea deutet die Szene an, wieder und wieder, wie ein Kameraschwenk, der sich weigert, näher heranzugehen.
Immer bleibt sie „das Mädchen“.
Nie bekommt sie eine Handlung.
Nie einen Satz.
Nie eine Entscheidung.
Das ist der entscheidende Hinweis:
Ein Bild ohne Geschichte ist immer eine Projektion –
und Projektionen sind die wahren Unruhestifter unserer Seele.
Der Song lädt uns ein, der Voyeur zu sein.
Wir blicken durch eine Windschutzscheibe, die uns nicht gehört,
in eine Szene, die wir nicht betreten dürfen.
Der Mann erinnert sich,
aber er rekonstruiert nicht.
Er reproduziert den Mythos seines eigenen Begehrens –
einen Mythos, den er vielleicht braucht,
weil das echte Leben weniger elegant ist als ein Sportwagen im Morgenlicht.
Das ist die eigentliche Spannung dieses Songs:
Er zeigt uns nicht, was wirklich war,
sondern das, was man lieber behalten würde.
Und was man lieber behält,
ist zumeist das Gefährlichste.
Schlussfolgerung
„Girl in a Sports Car“ ist kein Liebeslied.
Es ist keine Erinnerung.
Es ist ein Kammerspiel über Eleganz, Illusion und die gefährliche Macht des perfekten Bildes.
Ein Film ohne Schatten ist langweilig.
Dieser Song hat einen langen.
Er reicht bis in die Gegenwart des Hörers.
Und das, meine Damen und Herren,
ist genau das, was ein gutes Motiv ausmacht:
Es flieht nicht.
Es wartet.
Geduldig.
Wie ein Mädchen im Sportwagen,
im frühen Sonnenlicht,
auf einer Straße,
die uns nichts verrät –
und alles wissen lässt.
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Girl in a Sportscar" von Chris Rea selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
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| Marcel Cerf Mâle, Bock sucht verlorene Zeit |
Er ist fast das Gegenbild zu Alfred Buck:
Während Alfred Buck die Schatten sucht, sucht Marcel Cerf Mâle das Parfum.
Alfred Buck betrachtet die Form –
Marcel Cerf Mâle betrachtet die Zeit, die in ihr wohnt.
Bei Chris Reas Song kann Marcel etwas hören, das Alfred absichtlich übergeht: die sanfte Tragik der Erinnerung als Selbstporträt.
Hier also ein zweiter, neuer Blick:
Marcel Cerf Mâle über Girl in a Sports Car von Chris Rea
Es gibt Lieder, die nicht mit einem Klang beginnen,
sondern mit einem Zittern in jenem Teil des Herzens,
der nur sehr selten angesprochen wird, weil er zu empfindlich ist.
Chris Reas „Girl in a Sports Car“ ist ein solches Lied:
eine zarte Rille im Gedächtnis,
die sich nicht an Ereignisse erinnert,
sondern an jenes unbestimmte Versprechen,
dass es einmal im Leben einen Augenblick geben könnte,
der uns sagt, wer wir hätten sein können.
Es ist bemerkenswert,
dass der Sänger nicht beschreibt,
was wirklich geschah.
Er beschreibt, wohin er geht,
wenn er „driftet“.
Es ist die Bewegung eines Mannes,
der die Augen schließt,
um weiter zu sehen.
Der Sportwagen ist ein Geist.
Nicht wegen seiner Geschwindigkeit,
sondern weil er aus jener geheimen Zone der Erinnerung stammt,
in der alles, was unwiederbringlich ist,
zu glänzen beginnt –
nicht aus Wahrheit,
sondern aus Verlust.
Der Lusso, Jahrgang 1961,
taucht in der Erinnerung auf wie ein Duft,
der eine ganze Straße, eine ganze Jahreszeit zurückholt.
Und in ihm sitzt:
kein Mädchen,
kein Gesicht,
sondern eine Idee,
die sich als Mensch verkleidet.
Denn was ist dieser Moment sonst?
Eine „Minute im Leben“ von „unbeschreiblichem Glück“,
so nennt Rea es.
Doch niemand benennt das Glück so,
der es im wirklichen Leben gerade erlebt.
Glück ist ein Blitzschlag.
Es ist erst von weitem ein Sonnenaufgang.
**Er sieht das Mädchen nicht.
Er sieht die Version seiner selbst,
die er in ihrer Nähe gewesen wäre.**
Der Blick in den Rückspiegel der Erinnerung zeigt uns niemals den anderen.
Er zeigt uns immer uns selbst –
in der Gestalt dessen,
den wir glaubten werden zu können.
Deshalb fragt der Sänger,
fast erschrocken:
„Is this really me?“
Es ist die Frage eines Mannes,
der in einem Bilderrahmen steht,
und sich wundert,
dass er dort so anders aussieht.
Der kleinste Sandkornmoment wird zum Kontinent.
Ein einzelner Sonnenreflex auf einer Motorhaube
wird zur Landschaft einer ganzen Kindheit.
Die frühe Morgensonne,
die laut Rea alles umflutet,
scheint weniger ein Wetterphänomen zu sein
als eine Temperatur der Sehnsucht.
Man könnte sagen:
dieser Moment war nie real.
Aber er war möglich.
Und in der Welt der Erinnerung
ist das Möglichkeit Licht genug.
Schluss
„Girl in a Sports Car“ ist die Geschichte eines Mannes,
der nicht das Vergangene sucht,
sondern den Zugang zu der Person,
die er damals in jenem Licht hätte sein können.
Es ist eine Meditation über Identität,
geschrieben in der Sprache des Chroms und der Morgenluft.
Oder anders gesagt:
Der Sportwagen fährt nicht durch die Vergangenheit.
Er fährt durch uns.
XOXO
Marcel Cerf Mâle
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| Bock zwischen Paris und Texas |
Wim Bocks’ Sicht auf “Girl in a Sportscar” von Chris Rea
Wenn ich “Girl in a Sportscar” höre, dann sehe ich eine Straße, die so gerade ist, dass sie fast unwirklich wirkt. Nicht Amerika diesmal, sondern vielleicht Südfrankreich, irgendwo zwischen den Konturen eines wolkenlosen Nachmittags und einem Meer, das nur als Reflex existiert. Das Mädchen im Sportwagen ist kein Charakter – sie ist ein Übergang. Eine Bewegung. Das Geräusch eines Motors, der eher summt als brüllt, und ein Blick, der nicht ganz zu fassen ist.
Der Song hat diese melancholische Leichtigkeit, die so nur entsteht, wenn man mit Erinnerungen arbeitet, die nie ganz der Realität gehört haben. Es ist ein Lied, das sich wie eine Rückblende anfühlt, aber ohne Plot. Nur ein Gefühl, das sich unter die Haut legt. Ein Windstoß, der nach warmem Asphalt riecht. Ein Schatten, der am Straßenrand entlanggleitet. Eine Ahnung von Freiheit, so sanft, dass sie schon auf dem Sprung ist, wieder zu verschwinden.
Mich fasziniert, wie der Song von etwas erzählt, das man nicht behalten kann. Das Mädchen fährt vorbei, und schon im Moment ihres Erscheinens weiß man, dass sie nicht anhalten wird. Vielleicht ist sie der Inbegriff dessen, was man im Kino immer wieder sucht: ein kurzer, schöner Verlust. Nichts Tragisches. Eher ein freundliches „Mach’s gut“ der Welt an uns, bevor sie weiterzieht.
Am Ende bleibt ein stilles Nachglühen. Man blickt der Straße nach und hört noch einmal das Echo des Refrains. Und man ist sich plötzlich sicher, dass die Szene so nie wiederkommt. Aber sie reicht aus, um den Tag in ein anderes Licht zu tauchen. So funktionieren manche Songs, wie manche Filme: nicht durch Handlung, sondern durch das, was sie offenlassen.
Und “Girl in a Sportscar” lässt viel offen. Genau deshalb bleibt es.
XOXO
Wim Bock
Der Kuschelbock merkt an: Sportwagen geht immer, Mini nur zu Weihnachten.



