Tom’s Diner
„Ich bin in einem Café und trinke Kaffee.“ – Der Kommunikationsbock über Tom’s Diner in der Version von AnnenMayKantereit und Giant Rooks
Es beginnt ganz harmlos. Wie alles beginnt.
Ein Ich sagt, was es tut. Es sagt es in einer Stimme, die schwerer ist als der Inhalt: „I am sitting in the morning at the diner on the corner.“
Ein Satz, wie er millionenfach am Tag gedacht, gesprochen oder nie ausgesprochen wird. Harmlos.
Aber harmlos ist eine Illusion. Und genau darin liegt das Problem.
In der Version von AnnenMayKantereit und Giant Rooks erklingt die Stimme nicht als bloße Mitteilung, sondern als existenzielle Dissonanz. Sie kratzt. Sie zögert nicht. Sie drückt nichts aus – sie ist Ausdruck.
Hier wird ein Phänomen deutlich, das ich in meiner Arbeit oft beschreiben wollte: Die Tatsache, dass wir uns durch Sprache die Realität bauen, aber nicht bemerken, dass diese Realität eine Konstruktion ist.
Der Mann singt von einem Café, einem Kaffee, einem Zeitungsartikel über ein Schauspielerinnenschicksal, von Milch, die nicht kommt.
Aber mit jeder Zeile – so lakonisch sie sich auch gibt – hämmert sich eine tiefe Unbehaustheit in unser Ohr.
Die Stimme von Henning May macht aus der Routine ein Menetekel.
Die Welt, die in Suzannes Original noch hauchdünn zwischen Beobachtung und Gleichgültigkeit balancierte, wird hier zur Vorstufe des Abgrunds.
Nicht, weil etwas passiert – sondern weil nichts passiert.
Und das ist der Punkt.
Was wir hier erleben, ist das kommunikative Paradox der Normalität.
Es ist ein Lied, das davon handelt, wie jemand in einem Café sitzt, und nichts weiter.
Aber diese Nichtigkeit, vorgetragen in dieser heiseren Dringlichkeit, konfrontiert uns mit der existenziellen Aporie des Alltags: Dass all unsere Bedeutsamkeitserzeugung auf Zeichen beruht, denen wir Bedeutung nur verleihen können, wenn wir sie vorher entzogen haben.
Die Frau, die weint, der Mann im Café, der Kaffee, die Milch, das Glockengeräusch der Tür – sie sind allesamt semiotische Floskeln eines unendlichen kommunikativen Spiels.
Aber weil der Sänger glaubt, dass es wahr sei, wird es wahr.
Nicht in einem ontologischen Sinn, sondern in einem psychologischen.
Er leidet an der Wirklichkeit, die er durch seine Beschreibung ungewollt erschafft.
Und das ist, was wir alle tun.
Tom’s Diner in dieser Version ist nicht länger ein Lied über ein Frühstück.
Es ist ein Lied über die Unmöglichkeit, sich mitzuteilen, ohne sich zu verlieren.
Es ist die musikalische Version jenes klassischen Kommunikationsmodells, in dem jede Botschaft zugleich eine Selbstoffenbarung ist – und jede Selbstoffenbarung zugleich ein Schweigen über das Wesentliche.
Und so sitzt er dort, dieser Sänger, in einem Café, das es womöglich nie gab, und spricht mit uns, ohne dass je ein Dialog entsteht.
So kommuniziert die Welt.
XOXO
Paul Bock
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Tom’s Diner" in der Version von AnnenMayKantereit und Giant Rooks selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
