Washington
Liebste Leserschaft, liebe Chronisten der amerikanischen Seele, allerliebstes Rudel,
Norman Buck ist durch und durch ein amerikanischer Bock. Neben seiner schriftstellerischen Karriere ist Norman auch für seine politischen Ansichten und seine durchaus exzentrische Persönlichkeit bekannt. Auf dem Bild sehen Sie ihn bei seinem Auftritt im beliebten brasilianischen Talkshow-Format "A hora do veado" mit der beliebten Moderatorin Convida Veados-Machos. Gleich danach hat er in einem Hotelzimmer mit zuviel Teppich "Washington" von Lucio Dalla entschlüsselt.
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| Norman Buck, ein amerikanischer Bock, über die italienische Weise "Washington" von Lucio Dalla |
"Elegie mit Geheimdiensten"
Norman Buck über "Washington" von Lucio Dalla
Ich sitze in einem Zimmer, das zu viel Teppich hat.
Die Lamellen sind geschlossen.
Der Fernseher läuft ohne Ton.
Lucio Dalla singt Washington –
und ich spüre, wie die Welt unter mir zu schmelzen beginnt,
wie ein Stück Butter auf dem heißen Asphalt der amerikanischen Idee.
Man muss verstehen:
Dieses Lied ist kein Lied.
Es ist ein Dossier.
Eine verklausulierte Mitteilung
aus einem Kontinent,
der den Mythos liebt,
aber seine Helden exekutiert.
Ein europäischer Blick –
auf die Hauptstadt eines Imperiums,
so voller Ambitionen
wie ein alternder Boxer
mit gebrochenem Kiefer
und makelloser Pressemappe.
Dalla haucht, flüstert, schneidet Silben wie
ein Agent auf Valium.
Er weiß mehr,
als er sagt.
Er sagt mehr,
als wir ertragen.
Washington ist keine Stadt,
sondern ein Zustand.
Ein Zustand fortgeschrittener Ironie,
verkleidet als Hoffnung.
Und Dalla,
dieser italienische Prophet mit Zucker in der Stimme
und Gift in der Feder,
führt uns durch diese Stadt wie durch einen Traum,
den Kafka und Coppola gemeinsam gedreht haben.
Man hört Synthesizer,
die sich anfühlen wie versiegelte Akten.
Ein Saxofon,
so weit entfernt,
dass es wie die Erinnerung an eine verpasste Revolution klingt.
Und irgendwo im Hintergrund:
eine Orgel,
die entweder betet
oder lügt.
Oder beides.
Wer ist hier noch aufrecht?
Die Fahnen wehen.
Die Fassaden glänzen.
Aber darunter –
korridoreweise Einsamkeit.
Eine Liebe, die nie ankam.
Ein Versprechen, das nie ausgesprochen wurde.
Weil es nie wahr war.
Ich kenne das.
Ich habe darüber geschrieben.
Über Männer, die ihre Macht verlieren,
und Frauen, die mit Aktenkoffern schlafen,
weil der Inhalt echter ist als jede Berührung.
Lucio Dalla kennt das auch.
Er singt nicht für die Masse.
Er singt für die Schatten.
Washington ist kein Song.
Es ist ein Kabelbericht aus dem Innersten des 20. Jahrhunderts.
Kryptisch.
Anklagend.
Verloren.
Ein Liebesbrief an das große Amerika,
der nie abgeschickt wurde,
weil der Empfänger längst verzogen war.
XOXO
Norman Buck
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie "Washington" von Lucio Dalla selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
Der Kuschelbock merkt an: Un'analisi italiana di Lucio Dallas Washington è disponibile qui.
