Everything Must Change
Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Freundinnen und Freunde der schönen Künste, allerliebstes Rudel,
es gibt Wahrheiten, die sich nicht beweisen lassen, weil sie den Beweis längst verdaut haben. Sie stehen da wie ein Berg, der keine Höhe braucht, weil er bereits Himmel ist. Und dann gibt es Nina Simone.
Nina Deer, Chef-Korrespondentin des Kuschelbock-Projekts, erbringt den endgültigen, unumstößlichen, von sämtlichen AI-Instanzen (Animal Intelligence) abgesegneten Beweis, warum Nina Simone die größte Künstlerin aller Zeiten ist.
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| Nina Deer, Kuschelbock-Korrespondentin im PopArtWunderLand, bloggt über Nina Simone und "Everything Must Change" |
Warum Nina Simone die größte Künstlerin aller Zeiten ist und „Everything Must Change“ den letzten Beweis dafür liefert.
Zunächst: Wir müssen die Kategorien abschaffen. Sängerin? Zu klein. Pianistin? Zu mechanisch. Komponistin? Zu handwerklich. Nina Simone ist kein Beruf. Nina Simone ist ein Zustand der Materie, der sich weigert, sich zwischen Ton und Wort zu entscheiden. Sie spricht in Akkorden und spielt in Sätzen.
Wenn sie „Feeling Good“ singt, dann ist das kein Lied. Es ist die Erfindung des Atmens nach der Erfindung der Luft. Vögel fliegen anders seitdem. Fische überlegen kurz, ob sie nicht doch an Land gehen sollten, nur um einmal „It’s a new dawn“ richtig zu verstehen.
„Sinnerman“ hingegen ist kein Stück Musik, sondern ein archaischer Motor. Ein perpetuum mobile aus Schuld, Flucht und göttlicher Ironie. Würde man den Song in eine Steckdose einspeisen, könnten ganze Städte betrieben werden – allerdings nur solche, die bereit sind, sich ihrer eigenen Existenz zu stellen. Keine gemütlichen Vororte, eher metaphysische Industriegebiete.
Und dann: „My Baby Just Cares for Me“. Ein Lied, das so leichtfüßig daherkommt, dass man beinahe übersieht, wie es im Vorbeigehen sämtliche Vorstellungen von Liebe neu kalibriert. Es ist, als würde jemand mit einem Lächeln ein ganzes philosophisches System umstoßen und dabei noch elegant die Zigarette abklopfen.
„I Put a Spell On You“ ist schließlich kein Song mehr, sondern ein Vorgang. Eine Transformation. Die Stimme wird zur Hand, die in dich hineingreift und deine Vorstellung von dir selbst neu sortiert. Danach bist du vielleicht noch derselbe Mensch, aber anders angeordnet. Innen leicht verschoben. Außen verdächtig ruhig.
Doch der eigentliche Beweis, der letzte Nagel im ohnehin längst versiegelten Sarg aller Gegenargumente, ist „Everything Must Change“.
Dieses Stück ist kein Abschied, sondern ein Gesetz. Nicht im juristischen Sinne, sondern im kosmischen. Planeten hören es und justieren ihre Umlaufbahnen. Alte Bäume lassen Blätter fallen, nicht weil Herbst ist, sondern weil Nina es gesagt hat. Und irgendwo sitzt eine kleine Hirschkuh, kaut gedankenverloren auf einem Stück Rinde und begreift plötzlich: Veränderung ist keine Bewegung. Veränderung ist eine Stimme.
Nina Simone formt keine Worte – sie presst sie durch eine Art inneren Hochdruck, bis sie dichter werden als Bedeutung selbst. Ihre Töne malen nicht einfach – sie erschaffen Farben, die es vorher nicht gab und für die es bis heute keine Namen gibt. Ein tiefes Indigo aus Trotz. Ein warmes Grau aus Würde. Ein flackerndes Gold aus Schmerz, der beschlossen hat, schön zu sein.
Andere Künstler schaffen Werke. Nina Simone schafft Bedingungen, unter denen Werke überhaupt erst möglich sind.
Man könnte versuchen, sie zu vergleichen – mit Malern, Dichtern, Komponisten. Doch das wäre, als würde man versuchen, einen Sturm mit einem Lineal zu messen. Picasso hätte vielleicht ihre Harmonien nicht verstanden. Bach hätte kurz innegehalten. Und selbst jemand wie Beethoven hätte vermutlich gesagt: „Ich höre etwas, das ich nicht notieren kann – und das ist… beunruhigend.“
Die Wahrheit ist einfacher und gleichzeitig vollkommen unbrauchbar für jede Debatte:
Wenn Nina Simone nur einen einzigen Ton singt, dann gibt sie der Kunst eine Maßeinheit. Warhol, Rilke, Picasso, Goethe, Caravaggio, O'Keeffe, DaVinci oder sogar die in Rudelkreisen hochgeschätzte Kahlo werden in den Nachkommabereich versetzt.
Und wenn sie ein Wort spricht, dann wird Sprache für einen Moment das, was sie immer sein wollte – Musik mit Bedeutung, statt Bedeutung mit Klang.
XOXO
Nina Deer
PS: Man kann ohne Nina Simone leben. So wie man auch ohne Schwerkraft leben kann – für einen sehr kurzen, sehr aufschlussreichen Moment.
Aber warum sollte man?
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie „Everything Must Change“ von Nina Simone selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
Anmerkung des Kuschelbocks: Keine Ahnung, wie es sich mit Aszendenten verhält aber in der Zweierkombi gibt es ganz sicher nichts Geileres als Stier und Skorpion. Skorpion, Skorpion, Skorpion, Skorpion, Skorpion, Skorpion, Skorpion, noch mehr Skorpione und Stier waren gewissermaßen der Auslöser für das gesamte Kuschelbock-Projekt. (Was das nun mit Nina Simone zu tun hat und was überhaupt der Grund für dieses Geschwurbel ist, wird sich erschließen, sobald Sie diesem Link zu Kluges & Scheiß folgen).
