I’ve Got You Under My Skin
Sehr geehrte Leserinnen und Leser, Gezeichnete, liebstes Rudel,
in den besseren Jahren der tätowierten Öffentlichkeit – man spricht hier von einer Phase zwischen „noch nicht Mainstream“ und „schon wieder Ironie“ – gab es genau einen Namen, der auf Messen, in Studios und auf schlecht beleuchteten Sofas gleichermaßen fiel: Kurt der Tattoo-Bock. Ein Model, wenn man so will, aber das greift zu kurz. Er war weniger Fläche als vielmehr Haltung. Während andere noch darüber diskutierten, ob ein Tattoo eine Entscheidung fürs Leben sei, hatte er bereits mehrere Leben übereinandergelegt – in Linien, Schattierungen und einem Selbstverständnis, das keine Rückfragen duldete.
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| Kurt, der Tattoobock in charmanter Gesellschaft des braslianischen Topmodels Gatinho Carinhoso Com Veado: He´s got her under his skin. |
Innerhalb der – nennen wir es ruhig so – Inked Community galt er als Referenzpunkt. Nicht wegen der schieren Anzahl seiner Tattoos, sondern wegen ihrer inneren Ordnung. Die Katze auf der Brust ist längst ikonisch geworden: kein dekoratives Element, sondern ein leises Zentrum. Man sagt, sie habe mehr Karrieren gestartet als so mancher Hashtag. Doch wer ihn wirklich kannte, wusste, dass sein eigentliches Statement nie im Sichtbaren lag. Der Tattoo-Bock verstand Haut nicht als Oberfläche, sondern als Archiv. Und wie jedes gute Archiv hatte auch dieses seine sensibleren, weniger ausgeleuchteten Bereiche.
Es sei an dieser Stelle nicht verschwiegen, dass er dem hiesigen Beitrag nur unter einer Bedingung zugestimmt hat: Er wollte sich für das Arschgeweih stark machen. Kein Interview ohne klare Positionierung, kein Zitat ohne dieses eine Anliegen. „Wenn wir schon über Dinge sprechen, die unter die Haut gehen“, soll er gesagt haben, „dann sprechen wir auch über die, die geblieben sind, als andere längst wieder verschwunden waren.“ Man kann das für Eigensinn halten. Man kann es aber auch als Konsequenz lesen.
Dass er sich nun ausgerechnet zum Cole Porter Klassiker "I've Got You Under My Skin" äußert, ist daher weniger Zufall als logische Fortsetzung seiner Biografie.
Unter der Haut – Eine Verteidigung des Arschgeweihs im Lichte von „I’ve Got You Under My Skin“
Es gibt Songs, die man hört. Und es gibt Songs, die sich festsetzen. I've Got You Under My Skin gehört unzweifelhaft zur zweiten Kategorie. Spätestens in der Version von Frank Sinatra im Dialog mit Bono wird klar: Hier geht es nicht um Oberfläche. Hier geht es um Infiltration. Um das langsame, elegante Eindringen eines Gefühls in jene Schichten, die man gemeinhin für privat hält. Oder, um es weniger verklausuliert zu sagen: um Dinge, die unter die Haut gehen und dort bleiben.
Und genau an dieser Stelle betritt – man muss es so deutlich sagen – das Arschgeweih die Bühne. Viel geschmäht, nie wirklich verstanden, stets einen Hauch zu früh oder zu spät im Trend: das vielleicht missinterpretierteste Tattoo der jüngeren Kulturgeschichte. Als Vorsitzender der Initiative „Pro Lumbale Ornamentik“ sehe ich mich daher in der Pflicht, hier eine Lanze zu brechen. Das Arschgeweih ist kein modischer Unfall. Es ist ein Statement. Eine stille, geschwungene Behauptung von Dauer. Es sitzt dort, wo man es nicht ständig sieht – und genau deshalb ist es ehrlich. Es braucht keinen Applaus. Es weiß, dass es bleibt.
Wer das belächelt und stattdessen auf Dinge wie „Kintsugi-Tattoo“ oder gar „Cyber Monday Tattoo“ setzt (die entsprechenden Blogs seien hier mit einem gewissen Achselzucken verlinkt), hat das Prinzip nicht verstanden. Das sind Tattoos für Menschen, die sich beim Tätowieren noch Optionen offenhalten wollen. Rabatte auf die Ewigkeit. Ästhetische Gutscheincodes. Das Arschgeweih hingegen kennt keinen Sale. Es ist Entscheidung, nicht Angebot. (Liebhabern von Arktis-Tattoos bietet sich das Geweih eines Rentiers an - nur mal so als Idee...)
Meinereiner beispielsweise – ein tätowierter Bock, auf der Brust eine Katze – ist in diesem Zusammenhang fast schon dokumentarisch. Man sieht hier keine Pose, sondern einen Zustand. Die Katze auf der Brust ist kein Motiv, sie ist ein Bekenntnis. Und irgendwo, unsichtbar, aber sicher vorhanden, trage ich mein Geweih noch einmal – weiter unten, geschwungen, entschlossen. Unter der Haut. Wie ein Song, den man nicht mehr loswird.
Denn das ist die eigentliche Pointe: Tattoos und große Songs funktionieren nach demselben Prinzip. Sie bitten nicht um Erlaubnis. Sie bleiben. Und wenn I've Got You Under My Skin uns etwas lehrt, dann dies: Die besten Entscheidungen sind jene, die man nicht mehr rückgängig machen möchte. Selbst wenn man es könnte.
Oder gerade dann.
Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Hören Sie „I’ve Got You Under My Skin“ von Frank Sinatra, Bono selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify
