Happy Days

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Frau Brüllen, allerliebstes Rudel,

wir schreiben den 5. September 2026, es ist Brunftzeit. Das klingt für Außenstehende zunächst nach “Happy Days”. Bisschen rhythmisch kuscheln, Hirschkühe beglücken, ein paar andere Hirschen verkloppen und den lieben Bock einen guten Mann sein lassen. Tatsächlich aber ist es die stressigste und intensivste Zeit des Jahres, in der ich vollkommen auf Verschleiß lebe und nahezu meine gesamte Energie in den Fortpflanzungserfolg investiere. Bei all dem Stress und angesichts eines extrem durchgeschüttelten  Hormonhaushalts, fehlt mir schlicht die Zeit zum ausgiebigen Äsen, das ständige Röhren ist kraftraubend. Am Ende der Brunftzeit werde ich etwa 20 Prozent meines Gewichts verloren haben, sehe derart mitgenommen aus, dass ich für Wochen nicht mehr unter Leute gehen kann. Aber was tut man nicht alles für den Erhalt des Rudels…?

kuschelbock.com: Der balzende Kuschelbock für die Kuschelbock Playlist
Der Kuschelbock balzt. Zu den Happy Days erscheint er mit Blümchen und Testosteron überm Anschlag.

WMDEDGT - Ein Tag in der Brunftzeit
unterstützt durch “Happy Days” von Cory Henry, The Funk Apostles

Am 5. eines jeden Monats versammelt Frau Brüllen die Blogosphäre zu einem großen Rudeltagebuch (Schenkelklopfer) und fragt: „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

Da simmer dabei.

06:02 Uhr

Der Tag beginnt mit einem Problem. Noch bevor ich die Augen aufschlage, wittere ich John, den Rammbock, der irgendwo in der näheren Umgebung gegen einen Baum gepinkelt hat. Blitzartig fahre ich hoch, stelle mich mit erhobenem Kopf gegen den Wind und scanne die Luft. Seine Duftnachricht, die ich an einer alten Eiche, etwa 200 Meter neben meinem Schlafplatz verorte, verrät mir, dass John sich ganz offenbar in Topform befindet. Da wird Ärger auf mich zukommen …

06:04 Uhr

Gewöhnlich kontrolliere ich um diese Zeit mein Geweih auf Vollständigkeit. Das muss heute warten. Ob der drohenden Gefahr durch John und andere Knallköpfe, röhre ich jetzt erst einmal. 6 Minuten lang, laut und unentwegt. 

06.10 Uhr 

Nun doch die Geweihkontrolle. Vergangene Nacht habe ich dem Soziobock ordentlich einen mitgegeben. Das war keine große Sache, denn eigentlich redet der immer nur geschwollen daher und will so bei den Hinden punkten. Im Infight hat er aber nicht viel drauf. Mein Geweih ist jedenfalls noch bestens in Schuss: 18 Enden, kaum Gebrauchsspuren, Nichtraucherrudel, quasi neuwertig. Ich bin ein kapitaler Bock.

06:18 Uhr

Nun würde ich eigentlich gerne äsen, schon weil Brunft auf leeren Magen nicht funktioniert. Aber vorsichtshalber röhre ich lieber noch ein Weilchen. 

06:33 Uhr

Ich äse. Nachdem ich gestern rund 14000 Kalorien verloren habe, kommt mir ein kleiner Snack gerade recht. Kulinarisch macht das nicht viel her: Es gibt Gräser, Kräuter, junge Triebe, Eicheln und ein paar Bucheckern. Was würde ich jetzt für einen guten Kaffee geben?

06:45 Uhr

Ich widme mich wieder der Revier- und Rangbehauptung. Und während ich wieder röhre, kontrolliere ich meinen Blog, checke meine Mails. Die üblichen Kooperationsanfragen irgendwelcher Jagdverbände hat mein KI-Agent bereits automatisch mit "Waidmannsdank, aber nein danke." beantwortet.

07:05 Uhr

Der Tag muss doch mehr zu bieten haben? Spotify an. Kuschelrock-Playlist, Cory Henry,  The Funk Apostles. Happy Days. Zweimal die Wiederholung getippt, Dauerschleife. Die Bässe wabern durchs Gehölz. Von nun an wird mein Geröhre von Hammond-Zauber und einem gewissen Retro-Vibe getragen. 

07:32 

Die Hirschkühe sind wach. Die Eichelhäher von Gegenüber öffnen ihre Twitter-Kanäle. Und eine Knallcharge von Buntspecht stürzt sich in lautstarke Renovierungsarbeiten.

07:45 Uhr

Elisabeth, ein höchst elegantes Schmaltier, kommt ums Eck. Cory Henrys treibender Groove zeigt Wirkung und Elisabeth initiiert die erste Balz des Tages. If you want my love just say, "Oh yeah"

Und da sag ich doch mal “Oh yeah”

Wichtig: Der landläufigen Meinung zufolge beschränkt sich der eigentliche Akt zwischen Hirsch und Hirschkuh auf wenige Sekunden. Glauben Sie bitte nicht alles, was Wildbiologen so erzählen. Schon mein Name spricht dagegen: Ich bin der Kuschelbock. 

09:30 Uhr

Ich hätte dieses Stelldichein gerne noch fortgesetzt, zumal ich problemlos rhythmisch kuscheln und gleichzeitig röhren kann. Allerdings werden wir gestört. 

Der Eintänzerbock (eigentlich ein Halbschaufler, aber flink, weil stets zu Barry White groovend), tanzt an und faselt in Richtung meiner Damen was von "Baby, We Better Try To Get It Together". Wir führen ein kurzes, aber intensives Geweihgespräch und er verzieht sich wieder in sein Love-Unlimited-Gehege

09:50 Uhr

Ich erledige einige Büroarbeiten, verfasse ein paar Briefings für Geschäftspartner und Mitarbeiter, versende Emails, surfe ein wenig durch die Blogosphäre und sehe mir an, was andere an diesem Tag eigentlich so machen. Zwischendurch erwäge ich die Initiation einer Petition und behalte parallel die Tweets der Eichelhäher im Blick - schon aus Gründen des Daten- und Markenschutzes . Simultan swinge ich mit Cory Henry und röhre dazu.

10:02 Uhr

Unverhofft kommt oft. Bianca, ihres Zeichens weltberühmtes It-Girl des Rudels und nicaraguanisch-britische Hirschkuh auf der Durchreise, nimmt ebenfalls Cory Henrys Vorschlag auf und raunt: “Create some Happy Days, Making History”. Das ist insofern erstaunlich, da sie mit dem Kümmerle verlobt ist - aber hey: Brunft ist nur einmal im Jahr.

14:28 Uhr

Mein Schrittzähler meldet 28.643 Schritte. Mein Röhrzähler 817. Spotify behauptet, ich hätte "Happy Days" heute bereits 47-mal gehört. Das kommt ungefähr hin.

14:30 Uhr

Die Brunft besteht zu einem überraschend hohen Anteil aus Organisation. Ich fürchte, ich habe das heute nicht vollends im Griff. Auch die zurückliegende, über vierstündige, sehr rhythmische Kuschel-Session (Ich bin ein echter Funk-Apostle) ersetzt weder Mittagsschlaf noch Mittagessen. Ich lege also einen Power-Nap ein und käue ein bisschen wieder. Die Bucheckern zum Frühstück waren vielleicht doch keine so gute Idee.

15:01 Uhr

Ein paar Flitzpiepen auf Mountainbikes stören mein Schläfchen. Ich röhre. Cross Country ist sowas von nervig.

15:15

Ursprünglich war ich bereits vor 2 Stunden mit Agatha verabredet. Jetzt hat sie - angeblich - einen Termin beim Friseur und sagt ab. Das sollte mir eigentlich ein wenig Freiraum am Nachmittag verschaffen, dann allerdings erscheint Simone auf der Bildfläche. Auch sie möchte zur Populationsrelevanz des Rudels beitragen und wir verständigen uns auf ein durchaus rhythmisch kuscheliges, aber eher kurzes Zusammenspiel im Farn. “Let's create some happy days, oh yeah.”

16:10 Uhr

Noch schnell ein paar Brombeerblätter. Die Brunft ist im Grunde eine Diät mit sehr schlechtem Zeitmanagement.

16:22 Uhr

In einiger Entfernung nehme ich eine Reflexion wahr.. Ich will mal hoffen, es ist nur ein Teleobjektiv, mache aber lieber schnell die Biege.

16:40 Uhr

Ein Rendezvous mit Anaïs, einer interessierten Hirschkuh aus dem französischem Zweig des Rudels. Das Gespräch verläuft ausgesprochen harmonisch und wir engagieren uns auf einer sonnigen Lichtung gemeinsam für den wichtigsten Aspekt des Artenschutzes und die Zukunft Europas. “Oh, oh, yeah”.

Anschließend stelle ich fest, dass sich drei Hirschlausfliegen für einen All-inclusive-Aufenthalt bei mir eingebucht haben. C'est vraiment énervant.

17:55

Eigentlich müsste ich dringend etwas äsen. Andererseits röhrt da hinten schon wieder der Quantenbock (man sieht ihn nur unscharf und weiß nie so genau, wo er sich gerade befindet). Der soll mir jetzt bloß nicht auf die Nerven, geschweige denn auf die Hörner gehen. Der Wald ist voller Spießer, Halb- und Vollschaufler mit völlig falschen Prioritäten.

Ich verbringe eine weitere Stunde mit intensivstem Rumgeröhre. Dazu schüttele ich unentwegt mein Haupt, um endlich diese fucking Hirschlausfliegen loszuwerden.

19:10

Ich habe Kohldampf ohne Ende. Aber die Pflicht ruft. Unablässlich.

Zwei mir gut bekannte Alttiere, Nina und Susanne, möchten kurzfristig einen Termin vereinbaren. Wir beschnüffeln uns ein bisschen und vertagen uns. Wir verständigen uns auf ein Date für morgen auf einer flachen Senke und übermorgen auf einer kleinen Kuppe. Ein Schmaltier, Else, erscheint unangekündigt. Ihr Geruch verrät mir, dass es dringlich ist. We've been talking love for a little while“ Flexibilität gehört in dieser Jahreszeit einfach dazu. 

23:14

An einer Douglasie frage ich mich "W.t.F. macht eine Douglasie in meinem Wald?", finde dann aber eine Stocksulze. Ich halte mich nicht lange mit der Baumrinde auf und bediene mich direkt am Salzleckstein. Dazu ein wenig Wasser und so decke ich wenigstens meinen Tagesbedarf an Mineralien.

23:25 Uhr 

Der Rammbock ist heute nicht erschienen. Vielleicht morgen. Vorsichtshalber entscheide ich mich für ein ausgedehntes Tagesendröhren. Ich brülle mir die Seele aus dem Leib, nur um eine einigermaßen ruhige Nacht zu gewährleisten. 

23:58 Uhr

Ich falle ins Moos und bin vollkommen erledigt. Cory Henry und die Funk Apostles dürfen jetzt Feierabend machen. Morgen bekommt vielleicht Lambchops The Hustle Unlimited eine Chance. Das scheint mir für meinen derzeitigen Lebenswandel fast die passendere musikalische Begleitung zu sein.

Heute habe ich jedenfalls viel zu wenig geäst, viel zu viel gebrüllt, einem Halbschaufler gezeigt, wo der Hammer hängt, meinen Brunftkalender gewissenhaft abgearbeitet und erstaunlicherweise sogar noch einen Blogartikel veröffentlicht.

Falls Sie also jemals einen Rothirsch beneidet haben sollten: Warten Sie damit bitte bis Ende Oktober. Dann habe ich ausgeschlafen und wir reden noch einmal über die Happy Days.

Gute Nacht. Morgen, so gegen 6:02 Uhr wartet vermutlich schon wieder irgendein Idiot darauf, gegen meine Eiche zu pinkeln.


XOXO
Der Kuschelbock

Rhythmisch kuscheln mit dem Kuschelbock! Verschönern Sie Ihre eigene Brunft und hören Sie Happy Days von Cory Henry, The Funk Apostles selbst: In der Kuschelbock Playlist bei Spotify